Autor: Marc Haunschild

  • Inclusive Design: Inklusion und Resilienz

    Inclusive Design: Inklusion und Resilienz

    Inclusive Design ist Gestaltung, die möglichst viele Menschen mitdenkt: nicht nur einzelne Gruppen, nicht nur einzelne Anforderungen und nicht nur die am lautesten geäußerten Bedürfnisse. Inclusive Design geht in die Breite. Genau darin liegt seine Stärke – und Herausforderung.

    Denn wer möglichst viele Menschen einschließen möchte, kann nicht immer alle Wünsche gleichzeitig erfüllen. Manche Anforderungen stehen in Spannung zueinander. Inklusion bedeutet deshalb nicht, eine einfache Lösung für alle zu finden. Sie bedeutet, bewusst abzuwägen, Kontexte ernst zu nehmen und Barrieren nicht zu übersehen.

    Sprache

    Ein Beispiel dafür ist Sprache.

    Faire Texte sind wichtig. Gleichzeitig funktioniert ein Text nicht automatisch für alle, nur weil er sichtbar inklusiv gemeint ist.

    Gendersternchen können für manche Menschen ein wichtiges Signal sein. Für andere können sie das Lesen erschweren, etwa bei Konzentrationsschwierigkeiten oder in bestimmten Nutzungssituationen.

    Das heißt nicht: Dann lassen wir es eben.

    Es heißt: Kontext zählt.

    Bei einer Stellenausschreibung kann explizites Gendern ein wichtiger Teil von Inklusion und Willkommenskultur sein, weil dadurch klar kommuniziert wird: Alle Geschlechter sind eingeladen, sich zu bewerben. In anderen Kontexten kann es inklusiver sein, nur auf das generische Maskulinum zu verzichten.

    Beispiel

    „Um allen gerecht zu werden, müssen Lehrer*innen die Vielfalt der Schüler*innen berücksichtigen.“

    Zwei Sternchen in einem Satz ist für Menschen schwierig, bei denen gendern wirkt. Das heißt sie denken alle Geschlechter jedesmal mit. Das kann ablenken.

    Die meisten Deutschen verstehen höchstens B1 – gerade bei längeren Texten. Die vielen Menschen, denen lesen schwer fällt sind dann zusätzlich gefordert. Allein unter den Erwachsenen in Deutschland gibt es fast 8 Millionen funktionale Analphabeten, also Menschen, die eigentlich Lesen und Schreiben können, denen es aber sehr schwer fällt. Weil das Lesen an sich schon anstrengt, sollten die Texte selber leicht verständlich sein.

    Um den Satz im Beispiel anders zu schreiben, müssen wir uns erst einmal klar machen, was damit gemeint ist:

    „Nur wenn wir die Vielfalt unserer Klasse berücksichtigen, können wir allen gerecht werden.“

    Das kann dann an dieser Stelle auch schon unser Satz sein. Er sagt genau das aus, was gesagt werden sollte.

    Mehr Vielfalt

    In dem Zusammenhang könnte es sogar ungewollt sein, Menschen mit allen Geschlechtern mitzudenken, denn dann würde kaum jemand an weitere marginalisierte Gruppen denken, die hier aber wichtig sind.

    Zu denen gehören in einem Klassenraum praktisch immer:

    • verschiedene Ethnien
    • unterschiedlicher Wohlstand
    • mehrere Geschlechter
    • Religionen oder kein Glaube
    • diverse sexuelle Ausrichtungen…

    Diese und alle anderen werden nicht explizit genannt und es wäre auch nicht praktikabel, das zu tun.

    Anders ist es beispielsweise bei einer Stellenausschreibung. Hier ist es sinnvoll, alle Menschen explizit einzuladen. Also beispielsweise:

    „Wir suchen Lehrer*innen. Menschen mit weiteren Vielfaltsmerkmalen laden wir ausdrücklich ein, sich auf die Stelle zu bewerben. Mehr dazu in unserem Vielfaltsstatut.“

    Ohne eine Selbstverpflichtung wie z.B. ein Vielfaltsstatut oder ein Leitbild mit entsprechenden Inhalten wird sprachlicher Aktionismus schnell unglaubwürdig und als pinkwashing wahrgenommen.

    Ein Beispiel für eine faire Mischung aus dem Verzicht auf das generische Maskulinum und explizites gendern sind übrigens die Texte aus diesem Block. ☺️

    Leider sind die Texte dennoch nicht in leichter Sprache geschrieben – wir arbeiten daran, besser zu werden!

    Fazit Sprache

    • Einfach halten
    • Auf das Maskulinum verzichten
    • Vielfalt deutlich sichtbar machen, wo es drauf ankommt
    • Regeln sichtbar machen, die eine Umsetzung sicherstellen

    Medien

    Videos können komplexe Inhalte anschaulich machen. Gleichzeitig verbrauchen sie sehr viel Datenvolumen und erzeugen entsprechend viel Traffic. Wer wenig Geld, schlechte Netzabdeckung oder einen begrenzten Tarif hat, wird ausgeschlossen, wenn Medien automatisch starten. Erklärvideos sollten deshalb nicht ungefragt abgespielt werden, sondern erst, wenn jemand ein Video händisch startet.

    Nicht nur teure Datenübertragung oder geringe Bandbreite sind wichtig. Auch Hardware ist ein Thema. Inclusive Design darf sich nicht am neuesten Smartphone orientieren. Es muss auch für Menschen funktionieren, die ältere, langsamere oder günstigere Geräte nutzen. Der Blick auf manche Statistiken erzeugt den Eindruck, dass 2024 global vor allem iPhones die Liste der meistverkauften Smartphones anführten. Zum Beispiel dieser Beitrag hier: Counterpoint Research: Top 10 Best-Selling Smartphones in 2024

    Aber wenn man genauer hinschaut sind das nur die Verkaufszahlen aus China und den USA, wo Apple besonders stark ist.

    In vielen Ländern der Welt werden No-Name-Smartphones verkauft, die sehr wenig kosten und in den Statistiken aus dem letzten Beispiel nicht auftauchen. Bruce Lawson behauptet aus der Sicht eines Menschen, der in Fernost gelebt hat, dass diese Smartphones wohl öfters verkauft werden als die Geräte, die wir hier kennen.

    Inclusive Design ist ein Ausdruck von Verantwortung

    Menschen werden behindert – durch Umgebungen, Prozesse, Sprache, Technik, schlechte Entscheidungen und fehlende Prioritäten. Zugleich ist eine Behinderung oder Einschränkung nicht nur eine Frage äußerer Barrieren. Wer nicht sehen kann, dem fehlt ganz praktisch eine Wahrnehmungsmöglichkeit. Aber ob daraus Ausschluss entsteht, hängt wesentlich davon ab, wie Gesellschaft, Organisationen und Systeme gestaltet sind.

    Diese Verantwortung zeigt sich besonders deutlich in der Arbeitswelt.

    Arbeit ist mehr als Beschäftigung. Arbeit bedeutet Teilhabe, Selbstbestimmung und Würde. Sie ist für viele Menschen ein Schlüssel zur gesellschaftlichen Beteiligung.

    In Deutschland lebten zum Jahresende 2023 rund 7,9 Millionen Menschen mit einer anerkannten Schwerbehinderung. Quelle: Statistisches Bundesamt: Behinderte Menschen

    Viele Menschen mit Behinderung wollen arbeiten, stoßen aber weiterhin auf strukturelle Barrieren. Die Bundesagentur für Arbeit veröffentlicht dazu regelmäßig Berichte zur Arbeitsmarktsituation schwerbehinderter Menschen, unter anderem zu Beschäftigung, Arbeitslosigkeit, Erwerbsbeteiligung und arbeitsmarktpolitischen Instrumenten.

    Quelle: Bundesagentur für Arbeit: Menschen mit Behinderungen

    Daher ist es kaum verwunderlich, wenn Menschen mit Behinderung überdurchschnittlich oft von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Ein „Luxus“, die sich eine Nation mit Fachkräftemangel wie Deutschland gar nicht leisten kann.

    Organisationen profitieren von unterschiedlichen Perspektiven, diversen Teams und inklusiven Arbeitskulturen. Inklusion ist auch Innovation, Zusammenarbeit und Fachkräftesicherung.

    Wer Verantwortung für ein Unternehmen, ein Team, ein Produkt oder nur eine kleine Organisationseinheit trägt, sollte dafür sorgen, dass Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen effizient und wirksam arbeiten können.

    Hier verbindet sich Inklusion mit Resilienz.

    Resilienz

    Resiliente Organisationen entstehen, wenn Menschen m it unterschiedlichen Fähigkeiten effektiv und effizient arbeiten können.

    Gerade ältere Beschäftigte sind meist besonders erfahren und unverzichtbar für die Organisation in folgender Hinsicht:

    • Kenntnisse in den Abläufen und Prozessen
    • Einweisung neuer Team-Mitglieder
    • als Mentor*innen
    • Erfahrung in der Bewältigung von Krisen

    Andererseits nimmt mit steigendem Alter das Risiko für eine Schwerbehinderung zu. In der Alters-Gruppe 64+ ist laut destatis jede 4. Person von einer anerkannten Schwerbehinderung betroffen.

    Alle anderen sehen, hören, fühlen, reagieren und bewegen sich auch nicht mehr so wie 40 Jahre zuvor.

    Um diesen Schatz an Erfahrungen nutzen zu können, müssen Strukturen die Vielfalt der Beschäftigten berücksichtigen. Nur so können diese sich mit all ihrer Expertise einbringen.

    Modelle wie die Aktiv-Rente werden zur Farce, wenn die angesprochenen Personen Arbeitsumgebungen vorfinden, in denen sie sich nicht einbringen können.

    Gerade wenn es eng wird – also in Krisenzeiten kann eine inklusive Arbeitswelt – den entscheidenden Unterschied machen zwischen Überleben und Zusammenbruch.

    Nach einer Organisationsdiagnose wird oft sichtbar, wie sehr Strukturen, Prozesse, Kultur und Klima miteinander verbunden sind. Organisationseinheiten funktionieren nie isoliert. Und auch extern ist man in vielen Abhängigkeiten, zum Beispiel von Lieferketten. Alles beeinflusst sich gegenseitig.

    Wo steht Ihre Organisation?

    Wie resilient sind Sie aufgestellt? Können Menschen mit Behinderung in Ihrem Betrieb arbeiten?

    Beachten Sie folgende Aspekte?

    • Abschied vom defizitären Blick auf Behinderungen
      Vielfalt in Vorgaben festlegen (z.B. Statut oder Leitbild)
    • unterschiedliche Perspektiven aktiv einbeziehen:
      Diverse Teams bilden
    • Räume schaffen, in denen Menschen sich sicher äußern können:
      herrschaftsfrei kommunizieren
    • Vielfalt nicht nur aushalten, sondern bewusst nutzen
      Jeder Mensch hat Stärken, die beachtet werden müssen, bei der Auswahl von Aufgaben

    Inklusion ist dann kein Zusatz. Sie ist ein zentraler Resilienzfaktor.

    Das betrifft nicht nur Menschen mit anerkannter Behinderung. Fast alle Menschen erleben im Laufe ihres Lebens Situationen, in denen sie eingeschränkt sind: durch Krankheit, Unfall, Stress, Trauer, psychische Belastung, degenerativen Alterserscheinungen, Erschöpfung, Überforderung oder andere Lebensumstände.

    Es geht um alle

    In einem inklusiven Umfeld geht die Belastung durch Stressoren für alle Beschäftigten deutlich zurück!

    Das wirkt sich unmittelbar auf Arbeitsleistung, Arbeitsfähigkeit und Krankenstand aus.

    Ein paar Zahlen, um die Relevanz von inklusiven Maßnahmen zu verdeutlichen:

    Wer also meint, Barrierefreiheit hilft nur wenigen, verkennt die Realität. Zumal es gerade Menschen in verantwortungsvollen Positionen betrifft.

    Führungskräfte

    Besonders betroffen sind Personen aus dem mittleren Management. Sie stehen oft zwischen den Erwartungen „von oben“ und den Bedürfnissen ihrer Teams. Dazu kommen Verantwortung für Ergebnisse, Konflikte, Personalentscheidungen, ständige Erreichbarkeit, Change-Prozesse, hybride Arbeit, Kostendruck und oft auch eigene operative Aufgaben. Gallup beschreibt, dass Manager häufiger Stress, Burnout-Anzeichen, schlechtere Work-Life-Balance und schlechteres körperliches Wohlbefinden berichten als Mitarbeitende ohne Führungsverantwortung.
    Quelle: gallup

    Burnout ist nicht dasselbe wie Depression

    Die WHO klassifiziert Burnout in der ICD-11 als arbeitsbezogenes Phänomen, nicht als medizinische Diagnose. Es beschreibt chronischen, nicht gut bewältigten Arbeitsstress mit Erschöpfung, innerer Distanz/Zynismus gegenüber der Arbeit und verringerter Leistungsfähigkeit. 

    Depressionen differenziert betrachten

    Eine ältere arbeitspsychologische Übersicht zu Führungskräften kam zu dem Ergebnis, dass Befunde zu Stress und Burnout im Vergleich zu Nicht-Führungskräften uneinheitlich sind. Führung kann belasten, aber auch schützen, etwa durch mehr Autonomie, Einfluss, Einkommen und Status.
    Quelle: Hogrefe

    Hohes Risiko für mittlere Führungskräfte

    Sie haben viel Verantwortung, aber nicht immer ausreichend Entscheidungsspielraum. Genau diese Kombination — hohe Anforderungen bei begrenzter Kontrolle — gilt allgemein als Risikofaktor für psychische Belastung. Eine Meta-Analyse zu Arbeitsbedingungen und depressiven Symptomen zeigt, dass ungünstige Arbeitsbedingungen mit mehr depressiven Symptomen zusammenhängen. 

    Es gibt umfassende empirische Belege dafür, dass Beschäftigte — sowohl Männer als auch Frauen —, die über geringe Entscheidungsspielräume, hohe Arbeitsbelastung und Mobbing berichten, im Laufe der Zeit zunehmend depressive Symptome entwickeln.

    Eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse zu Arbeitsumgebung und depressiven Symptomen kommt zu folgendem Fazit:

    Viele arbeitsbezogene Umweltfaktoren können durch wirksame organisatorische Interventionen positiv beeinflusst werden.
    Quelle: Springer

    Führungskräfte können besonders stark belastet sein, vor allem im mittleren Management. Ihr Risiko für chronischen Stress, Erschöpfung und Burnout-Symptome ist in vielen Kontexten erhöht — besonders, wenn Verantwortung, Zeitdruck und Rollenkonflikte auf wenig Unterstützung treffen.

    Fazit

    Barrierefreiheit, Inklusion und Inclusive Design betreffen Produkte, Kommunikation, Arbeitsbedingungen, Führung, Organisationskultur und gesellschaftliche Verantwortung.

    Stressoren und Arbeitsumgebungen können durch organisatorische Interventionen verbessert werden!

    Dabei geht es nicht darum, von heute auf morgen alles perfekt zu machen.

    Viele kleine Schritte an unterschiedlichen Stellen tragen bei

    • verständliche Sprache
    • Gebrauchstauglichkeit
    • technische Robustheit
    • faire Kommunikation
    • psychologische Sicherheit
    • Solidarität
    • gezeigte Verantwortung
    • verbindliche Regeln
    • Zugänglichkeit/ Barrierefreiheit für alle

    Veränderung beginnt oft klein. Das 1-Prozent-Prinzip hat sich oft bewährt. Innovation kann zu Sprüngen in der Produktivität und der Gesundheit der Belegschaft führen, aber jeder Schritt in Richtung Vielfalts-Management fördert Effizienz, Effektivität und Resilienz gegenpsychische Erkrankungen und Krisen.

    Das gilt nicht nur für das Management. Vielfalt betrifft alle: Was tue ich heute dafür?

    Klar ist aber: der Wille zur Vielfalt muss von der Leitung ausgedrückt, vorgegeben und vor allem vorgelebt werden.

    Das Projekt a11y-by-default steht Ihnen bei all diesen Aufgaben gerne beratend zur Seite!

    Quellenhinweise zu den Zahlen

  • 🌻 Mehr Vielfalt bei den GRÜNEN 

    Die Vielfalt bei den GRÜNEN ist offiziell. 
    Parteien geben die Gesellschaft nur schlecht wieder. Besonders Menschen mit Behinderung haben Schwierigkeiten. Parteiprogramme nutzen oft schwere Sprache. Die digitalen Texte enthalten viele Fehler.

    Das ist ein Problem. Menschen mit Behinderung brauchen oft Hilfsmittel. Dazu gehört Software für Blinde. Diese Programme lesen Dokumente vor. Die Fehler in den Texten stören aber die Software.

    Auch die Sprache ist kompliziert. Politische Texte sind aus vielen Gründen schwer verständlich.

    Das schließt Menschen aus. Sie können in der Politik nicht mitwirken. Im Bundestag arbeitet zum Beispiel nur eine gehörlose Person. Sie heißt Heike Heubach und gehört zur SPD. Vor zwei Wochen kritisierte sie die aktuellen Gesetze für behinderte Menschen.

     👨‍🦳 Im Bundestag sitzen überwiegend weiße Männer.

    Die GRÜNEN wünschen sich mehr Abwechslung in der Politik. Deshalb führen sie als erste Partei eine Vielfaltsregel ein. Diese Regel verpflichtet die Partei selbst. Sie öffnet die Türen für alle Personen. Der Text zählt viele Gruppen auf.

    • Geschlecht
    • Herkunft
    • Religion
    • Meinung
    • Behinderung
    • Krankheit
    • Alter
    • Sprache
    • Sexuelle Orientierung
    • Geschlechtsidentität
    • Besitz oder Armut
    • Bildungsweg

    Diese Liste ist lang. Sie bedeutet: Jeder darf teilnehmen. Das Grundgesetz fordert das bereits. Trotzdem laden die GRÜNEN als erste Partei alle Menschen ausdrücklich ein.

    Eventuell folgen andere Parteien diesem Beispiel bald.

  • Heimat entsteht in den Kommunen

    Ob sich Menschen in einer Kommune zu Hause fühlen, entscheidet sich nicht in Berlin und auch nicht in Leitbildern. Sondern ganz praktisch: am stufenlosen Eingang zum Rathaus, an verständlichen Informationen, an barrierefreien Webseiten, an erreichbaren Veranstaltungsorten und daran, ob Menschen mit Behinderungen bei Planungen mitwirken können. Genau darauf zielen die neuen Empfehlungen des Deutschen Instituts für Menschenrechte zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Kommunen (Link im Kommentar).

    Barrierefreiheit ist die Voraussetzung dafür, dass kommunale Angebote erreichbar sind – im öffentlichen Raum, im Nahverkehr, in der Kommunikation und bei digitalen Diensten. So beschreibt es Artikel 9 der UN-Behindertenrechtskonvention ausdrücklich.

    Eine Kommune, die Barrierefreiheit ernst nimmt, sendet eine starke Botschaft:

    Wir treffen uns gemeinsam bei

    • Bürgergesprächen
    • Feiern
    • Wahlveranstaltungen
    • Kundgebungen
    • Kulturangeboten

    Hier sind wir zu Hause. Ohne Ausnahmen.

    Gerade für die lokale Demokratie ist das entscheidend. Politische Teilhabe beginnt nicht erst bei Wahlen. Sie beginnt dort, wo Menschen zusammen kommen, wo sie

    – Sitzungen besuchen
    – Anträge stellen
    – Veranstaltungen erreichen
    – ihre Interessen wirksam vertreten können.

    Das Deutsche Institut für Menschenrechte weist darauf hin, dass die wirksame politische Teilhabe von Menschen mit Behinderungen auf kommunaler Ebene bessere Rahmenbedingungen braucht.

    Und es geht nicht um eine kleine Gruppe. Weltweit hat nach Angaben der WHO etwa jeder sechste Mensch eine Behinderung. In Deutschland befinden sich in dieser Gruppe sogar rund 7,9 Millionen schwerbehinderte Menschen.

    Barrierefreiheit ist außerdem eine Antwort auf den demografischen Wandel. Deutschland altert deutlich: Bis Mitte der 2030er-Jahre steigt die Zahl der Menschen im Rentenalter ab 67 Jahren von derzeit 16,7 Millionen auf mindestens 20,1 Millionen (entspricht etwa einem Viertel). Zugänglichkeit wird zum Standardbedarf einer älter werdenden Gesellschaft.

    Je früher sie in Planung, Beschaffung und Digitalisierung mitgedacht wird, desto günstiger und nachhaltiger ist sie. Die EU betont, dass öffentliche Auftraggeber mit strategischer Beschaffung bessere Ergebnisse pro eingesetztem Euro erzielen. Universelles Design in Vergaben verbessert öffentliche Leistungen!

    Deshalb ist die Frage für Kommunen nicht, ob Barrierefreiheit umgesetzt wird, sondern wie und vor allem wann damit ernsthaft und flächendeckend begonnen wird.

    Wer Teilhabe will, muss Zugänglichkeit schaffen. Wer Demokratie stärken will, muss Barrieren abbauen.

    Wer in 10 Jahren noch lebenswerte Heimat sein will, muss jetzt starten!

    Links

    DIMR: Neue Empfehlungen zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Kommunen

    KI-generiertes Symbolbild eines offenen, hellen Ortszentrums. Die breite Treppe vor dem Rathaus geht nach links hin in eine Rampe über. Es sind Bürgerbüro, Bücherei, Kulturzentrum, Markt und viele Pflanzen zu sehen. Menschen sind mit Rollstühlen, Kinderwagen und Rollator unterwegs. Selbst eine provisorische Bühne für ein Bürgergespräch hat ebenfalls eine Rampe und ein Bus steht mit offener Tür und ebenfalls ausgefahrener Rampe an einer Haltestelle und lässt ältere Fahrgäste herein.

  • Willkommenskultur in der Altenpflege

    Willkommenskultur in der Altenpflege

    Barrierefreiheit ist für viele Einrichtungen der Altenpflege und -hilfe fest im Alltag verankert. Aber nicht durchgängig und mitunter findet sich noch Verbesserungspotential.

    💡 Deshalb ein paar gute Gründe, das Thema noch mal in der eigenen Einrichtung kritisch zu hinterfragen.

    Vorweg: Ältere Menschen sind nicht pauschal mit Behinderung gleichzusetzen. Aber mit zunehmendem Alter profitieren wir überdurchschnittlich von guter Zugänglichkeit: von klaren Informationen, sicheren Wegen, guter Orientierung und einfachen digitalen Angeboten.

    Das gilt ebenso für Angehörige.

    Wer für eine 90-jährige Person einen Pflegeplatz sucht, ist oft selbst nicht mehr jung. Auch diese Menschen müssen Informationen finden, Formulare verstehen, Kontakt aufnehmen und Entscheidungen treffen können. Und selbstverständlich haben auch junge Angehörige mit Behinderung ein Recht, für ihre Eltern einen angemessenen Betreuungsplatz zu finden oder Freunde und Freundinnen in den Einrichtungen zu besuchen.

    Barrierefreiheit hilft deshalb nicht nur einzelnen Gruppen.

    👍 Eine Rampe ist oft sicherer als Stufen.
    👍 Ein großer Button ist leichter zu treffen als ein kleiner.
    👍 Ein klarer Text ist schneller zu verstehen als Fachsprache.

    Für Einrichtungen ist das also eine Kernaufgabe. Es geht um Vertrauen, Sicherheit und Selbstbestimmung.

    Wer Informationen verständlich bereitstellt, senkt Hürden.
    Wer Websites, Formulare und Kommunikation zugänglich gestaltet, erleichtert Kontakt und Aufnahme.
    Wer Orientierung im Gebäude verbessert, unterstützt die Menschen, die dort wohnen oder zu Besuch kommen gleichermaßen.

    Barrierefreiheit sorgt dafür, sich mitgedacht und willkommen zu fühlen. In der Altenpflege und Altenhilfe ist sie daher ein zentrales Hashtag#Qualitätsmerkmal und Hashtag#Wettbewerbsvorteil. Nachbessern und Optimierungsmöglichkeiten zu finden, hilft allen – auch den Trägern der Einrichtungen. Eine echte Win-Win-Situation also.

    Eine Inspiration für gut umgesetzte Barrierefreiheit zeigen die angehängten Bilder. Hier ist ein Untersuchungsraum der Universitätsklinik in Bonn mit Braille und sehr großer Ziffer sehr gut lesbar beschriftet. Die 7 auf dem Handlauf lässt sich auch für Menschen ertasten, die die Braille-Schrift nicht beherrschen.

  • Prinzip der Vollständigkeit

    Grundlagen Barrierefreiheit

    Eine Leiter, in der ein paar Stufen fehlen, ist sinnlos.

    Es hilft niemanden, wenn man es fast bis zum nächsten Stock schafft.

    Dasselbe gilt für Barrierefreiheit.

    In der Ökonomie kennen wir das AIDA-Modell, das beschreibt, wie wir Kundinnen und Kunden zu einem Kauf bewegen. Ein Kaufprozess besteht demnach aus mehreren Schritten:
    Attention – Interest – Desire – Action

    Wenn der Weg vom Wecken des Interesses bis zur Aktion nur an einem Punkt durch eine Barriere unterbrochen wird, ist die Aktion am Ende des Prozesses nicht erreichbar, obwohl man zu 99% barrierefrei ist.

    In Bezug auf Barrierefreiheit ist nur eine einzige Prozentzahl bedeutend: Am Ende werden immer 100% der Betroffenen von einer einzigen Hürde ausgeschlossen. Somit können diese z.B. nicht ihr Geld im Shop ausgeben oder euren Newsletter abonnieren.

    Übrigens wird das frei verfügbare Einkommen von Haushalten mit behinderten Menschen auf 13 Billionen US-Dollar geschätzt und in der Gruppe der über 45-jährigen sind bereits 25% behindert, in der Gruppe der über 65jährigen reden wir über mehr als 50%.

    Wir müssen Barrierefreiheit also vollständig umsetzen. Das heißt erstens muss jede Seite im Prozess vollständig barrierefrei sein, aber auch der gesamte Prozess an sich muss vollständig barrierefrei sein.

    Links

  • Tastaturbedienung

    Grundlagen Barrierefreiheit

    Die Steuerung von Webseiten allein per Maus wird immer funktionieren, weil Maus und Monitor die einzigen Hilfsmittel sind, die immer mitgedacht werden. Dabei sind es gerade die Entwickler von Webseiten, die oft den Griff zur Maus scheuen, deshalb verwundert es ein wenig, dass sich so wenig Webseiten finden, die mit der Tastatur gut bedienbar sind.

    Es ist wichtig zu verstehen, dass Ausgabe per Bild oder Ton (Monitor und Screenreader) gleichwertig legitime Mensch-Computer-Interfaces sind.
    Sowohl bei Monitoren, als auch bei Screenreadern oder Braille-Zeilen handelt es sich um Hilfsmittel mit spezifischen Vor- und Nachteilen. Gerade in bekannten Systemen wie dem Backend eines CMS, einer Kundenerfassung oder dem Firmen-Intranet mit wiederkehrenden Routine-Aufgaben, ist die Bedienung mit der Maus statt über Tastatur-Kürzel extrem ineffizient.

    Oft ist eine Kombination ideal, also einen Zeiger an eine bestimmte Stelle bewegen, beispielsweise um viele Tab-Stopps zu überspringen und dann mit der Tastatur ein Formular ausfüllen, ohne noch mal zur Maus greifen zu müssen.

    Hier wird Eyetracking vielleicht in absehbarer die Maus ersetzen, die langsam, ungenau, oft verheddert oder mal wieder leer ist.

    Die Bedienbarkeit einer Website mit unterschiedlichen Ein- und Ausgabegeräten ist essenziell für die Zugänglichkeit.

    Allen anderen Menschen eröffnet dies Wahlmöglichkeiten. Man kann sich – je nach Situation – frei entscheiden, welche Ein- und Ausgabegeräte man verwenden möchte: einen Lautsprecher beim Autofahren, Kopfhörer im Zug, einen großen Monitor im Büro.

  • Barrierefreiheit: einfach machen!

    Barrierefreiheit: einfach machen!

    Rezept

    1. Schulen Sie ihr Team
    2. Denken Sie bereits beim Konzept barrierefrei
    3. pflegen Sie Ihren Werkzeugkasten: erstellen Sie sich eine Bibliothek an wiederverwendbaren barrierefreien Modulen, halten sie diese aktuell und dokumentieren Sie diese
    4. gestalten Sie auch barrierefreie Websites attraktiv. Nur weil man sich bei einem Gedicht an mehr Regeln halten muss als bei Prosa, führt das nicht automatisch zu schlechteren Texten – und auch nicht automatisch zu besseren
    5. Wenn Ihr Team divers ist, hören Sie auf Ihr Team. Wenn Ihr Team nicht divers ist, ändern Sie das!

    Eine gute Orientierung bieten schon Tests im Team und von Ihnen selbst: gestalten Sie z.B. die Nutzererfahrung mit der Tastatur so, dass Sie selber keine Lust mehr haben, nach der Maus zu greifen!

    Macht es Spaß, sich die Website anzuhören?

    Dann sind Sie auf einem guten Weg.

    Übrigens: wir von a11y-by-default unterstützen sie natürlich gern bei jedem der genannten Schritte auf Ihrem Weg zum Meisterkoch!

  • Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) wird ab dem 28.6.2025 angewendet

    Der European Accessibility Act wurde in Deutschland durch das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) in nationales Recht umgesetzt. Dieses Gesetz tritt ab Sommer 2025 in Kraft. Menschen mit Behinderungen erhalten damit eine Möglichkeit, ihr Grundrecht auf einen diskriminierungsfreien Zugang zu vielen Produkten und Dienstleistungen durchzusetzen. Sie können sich zukünftig genau wie Interessenverbände an die Marktüberwachungsbehörden wenden.

    Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz verpflichtet Unternehmen, ihre Produkte und Dienstleistungen so zu gestalten, dass sie für alle Menschen zugänglich sind. Dies umfasst unter anderem:

    Technische Geräte: Zum Beispiel sollen Smartphones, Computer und Selbstbedienungsterminals für Menschen mit Seh- oder Hörbehinderungen leichter nutzbar sein.

    Öffentliche Verkehrsmittel: Fahrkartenautomaten, Informationen zu Fahrplänen und Wegweiser müssen barrierefrei gestaltet sein.

    Bankdienstleistungen: Geldautomaten, Online-Banking und andere Finanzdienstleistungen müssen für Menschen mit Behinderungen zugänglich gemacht werden.

    E-Commerce: Webseiten und Apps für den Online-Handel müssen so gestaltet sein, dass sie von allen Menschen genutzt werden können, unabhängig von möglichen Einschränkungen.

    Dieses Gesetz gibt Menschen mit Behinderungen mehr Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Es bedeutet, dass sie in vielen Lebensbereichen gleichberechtigt teilnehmen können. Das stärkt nicht nur ihre Teilhabe an der Gesellschaft, sondern fördert auch ihre Integration in den Arbeitsmarkt und andere Lebensbereiche.

    Die derzeitige Entwicklung zeigt, dass die EU die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen ernst nimmt. Sie ist ein wichtiger Schritt in Richtung einer inklusiven Gesellschaft, in der alle Menschen die gleichen Chancen haben.

    Für Menschen mit Behinderungen bedeutet das Hoffnung und eine positive Zukunftsperspektive. Es wird ihnen ermöglichen, ein selbstbestimmteres und unabhängigeres Leben zu führen, weil sie in einer zunehmend technisierten Welt Zugang zu den selben Dienstleistungen und Produkten haben wie alle anderen.

    Mit diesem Gesetz wird Deutschland ein Stück barrierefreier und inklusiver, was letztendlich allen zugutekommt. Auch den Betreibern von Shops, die bisher einem nennenswerten Teil potentieller Kunden den Zugang verwehren.

    Das Ziel ist: eine Welt für alle!

  • Ist Barrierefreiheit nur Regulierungswahn der EU?

    Ist Barrierefreiheit nur Regulierungswahn der EU?

    Also es ist eine Regulierung, aber es ist ein Glück, dass EU-weit einheitliche Vorgaben gelten. Vorgaben zur Barrierefreiheit hatten vorher schon viele Mitgliedsstaaten. Die BITV in Deutschland gibt es beispielsweise seit über 20 Jahren. Die EU harmonisiert die unterschiedlichen Vorschriften, damit alle Marktteilnehmer innerhalb des Binnenmarktes dieselben Regeln haben. Das ist gut für die Wirtschaft.

    So ist es eine Regulierung, bei der alle gewinnen.

    Einer von vielen guten Gründen ist, dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken. Warum sollten Behinderte nicht arbeiten in einem selbstgewählten Beruf?

    Es gibt beispielsweise in der IT gar keinen Grund, warum man bei Neueinstellungen nicht selbstverständlich fragt: brauchen Sie einen Monitor oder einen Screenreader oder beides zum arbeiten?

    Monitor und Screenreader sind gleichwertige Arbeitsmittel.

    Und wenn man als Online-Shop Geld für Suchmaschinen-Optimierung im einstelligen Prozent- oder gar Promille-Bereich investiert, aber 10 bis 30 Prozent der Kunden links liegen lässt, ist das kaufmännisch schwer nachvollziehbar …

    Allerdings ist es vorbei mit Freiwilligkeit, denn das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz scheint auf Durchsetzung angelegt zu sein.

    Ein paar Eckpunkte:

    1. Strafen bis 100.000 EUR oder Verbot ein Angebot weiter zu betreiben
    2. Anlasslose Kontrollen
    3. Beschwerden sind bei der Marktaufsicht möglich
    4. Wettbewerbsrechtliche Schritte (Abmahnung, Unterlassungserklärung, Schadenersatz) sind möglich

    Die IHK München ist Gewerbetreibenden wohl gesonnen und hat das kurz und leicht verständlich zusammen gefasst.

    Das klingt schon nach: lieber machen! Vor allem der 4. Punkt ist in hart umkämpften Märkten ein wichtiger Aspekt.

    zur Website der IHK München

  • Es sollte genau anders herum sein

    Als Berater redet man sich ja oft den Mund fusselig, aber ich habe das Gefühl, viele Firmen, die sich bei mir Unterstützung holen, gehen den richtigen Weg in die Barrierefreiheit und der hat nur zwei Schritte (und ein paar kleinere):

    • Beteiligte schulen
    • Werkzeugkasten barrierefrei machen, also die Dinge, aus denen Ihr Eure Produkte erstellt

    Für jemanden wie mich, der diese Schritte mit jedem Team immer wieder neu machen muss, stellt sich aber die Frage: warum?

    Warum sind die Frameworks, auf denen Millionen und Abermillionen Webseiten beruhen, so lieblos zusammengedengelt? Kaum Aufwände fließen in die Nutzererfahrung, gefühlt werden vor allem die Wünsche der Entwickler erfüllt.

    Am Ende müsst doch auch ihr die Webseiten und Apps benutzten? – Gut ihr habt vermutlich einen gut bezahlten Job und könnt euch tolle Hardware leisten oder bekommt sie sogar kostenlos gestellt und falls ihr doch drauf sparen müsst, tut ihr das gern, weil es eure Leidenschaft ist. Aber für alle anderen ist eine Website nur ein Container mit Infos, an die man möglichst einfach und schnell heran kommen möchte. Mit einem Handy, das in der Regel (in 2023) gerade mal 150,- EUR durchschnittlich kostet.

    Denkt an diese Menschen, wenn ihr das nächste Mal ein Konzept erstellt, wenn ihr über dem Design brütet, Komponenten auswählt (es gibt barrierefreie Bibliotheken!), wenn ihr vor Eurer IDE in die Tasten haut.

    Wir wollen Eure Newsletter abonnieren, Geld in eurem Shop lassen oder eure Services wahrnehmen. Lasst uns alle mitmachen: Es wird nicht euer Schaden sein!

    Danke an Roberta Lulli und Susanna Laurin, die nicht müde werden, das offensichtliche auszusprechen!

    Hier geht es zu ihrem Artikel „Es sollte genau anders herum sein (It should be the other way round).

    Also genau so, wie wir hier es machen dank a11y by default.

    PS: Der Artikel ist in englischer Sprache, dank automatischer Übersetzung sollte das kein Problem sein 😉